Eine Mechterstädter Weihnachtsgeschichte

Das neue Fenster zum Dorf: Tobias Wolf vor dem ganz besonderen Schwibbogen.

Weil alle Geschichten auf der Welt mit “es war einmal” anfangen, fängt auch unsere damit an. Einen Unterschied zu “allen” gibt es aber: Unsere ist echt!
Also: Es war einmal ein Mechterstädter Junge, der hieß Tobias Wolf. Seine Großmutter Hanna lebte in einem schönen alten Haus in der Schafgasse, wo Tobias in einer geräumigen Scheune Musik hörte, auch mal selbst zur Gitarre griff und gelegentlich vor sich hin tischlerte. Großmutters Hausspruch lautete: “An Gottes Segen ist alles gelegen.” Daran dachte Tobias oft, nachdem sie gestorben war.
Wenn ihn jemand fragte, wo denn der schönste Ort der Welt sei, sagte er nicht, “am Atlantik” oder “in den Wäldern von Kanada”, sondern “in Mechterstädt”. Tobias mag das Dorf vor allem wegen der Leute, die das Leben dort bunt und wunderbar machen.
Er hatte nur manchmal das Gefühl, dass ihnen das gar nicht so richtig bewusst ist. Und er überlegte, wie er  ihnen begreiflich machen  kann, wie schön sie es doch haben. Kann es nicht etwas geben, worauf sie alle stolz sind? Es müsste  etwas sein, das sie gemeinsam schaffen. Aber was?
Zeitblende zurück: Es war vor etwa eineinhalb Jahren. Da saß Tobias vor seiner Werkbank in der Scheune, um einen Schwibbogen zu bauen, wie man ihn im Advent ins Fenster stellen kann. Ein Freund war dabei – Benjamin Seeber, vielen besser als Sepp bekannt.”Bau doch mal einen Schwibbogen von Mechterstädt”, meinte der so nebenbei. Tobias und Sepp guckten sich an – und irgendwie ahnten sie, dass da gerade eine Idee geboren war.
Die ruhte jedoch eine Weile. Als der Traditionsverein beim ersten Steinhauskonzert 2018 für die Weihnachtsbeleuchtung in Mechterstädt sammelte, gab auch Tobias Geld dazu. Nicht unbedingt reinen Herzens, denn eigentlich mochte er die vielen Stromfresser an Weihnachten nicht so recht. Aber ein Schwibbogen von Mechterstädt – diese Idee brannte weiter in seinem Kopf. Bei einer privaten Feier kam sie erneut zur Sprache. Nun wurde sie konkreter: Ein Schwibbogen wäre prima, einer, der Mechterstädt verkörpert. Einer, den man nicht ins Fenster im Haus stellt, sondern der selbst in einem hell erleuchteten Fenster steht und öffentlich zugänglich ist – mitten im Dorf – der allen etwas sagt und allen gehört.
Der Startschuss fiel am 25. September 2018, 16 Uhr nachmittags. Seitdem kannte Tobias nur noch zwei Dinge: Arbeit und Schwibbogen. Sechs bis zwölf Stunden  am Tag, am Ende manchmal sechzehn, verbrachte er in der Scheune. Als die dunkle Jahreszeit kam, brannte das Licht darin manchmal bis in den Morgen, und die Leute rundherum fragten sich, was da wohl los sei. Kam Tobias in dieser Zeit nach Hause, ruhte er sich eine halbe Stunde aus – dann ging es ans Werk. Eigentlich wollte er schnell fertig sein -  daraus wurde jedoch nichts. Zuviel Arbeit für einen allein.
Mitte Oktober erfuhr Tobias davon, dass es dieses Jahr erstmals einen kleinen Weihnachtsmarkt in Mechterstädt geben sollte. Das wäre doch ein passender Termin, den Schwibbogen aufzustellen, dachte er sich. Er informierte den Dorfschulzen – und schwubs, hatte er sich selbst unter Zugzwang gesetzt. Nun mussten Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Nach diesen Zeichnungen wurde gearbeitet.

Am Anfang stand das Design. Das entsprang dem Kopf von Janita Wunder. Von ihr stammt der Entwurf, der bis heute in der Tischlerei an der Wand hängt.  Florian Wunder half mit Janita, die Schwibbogen-Elemente auszuwählen. Die da wären: Der Wald, die Kirche, die Lage – Mechterstädt liegt zwischen Insels- und Hörselsberg, das Liedgut – der Mechterstädter Volkschor, der “Löb (Löwe) vom Stockborn”, der das Dorf beschützt, der Gänseteich mit der Gänseweide, die Sternschnuppe für den “Stern” – das Gasthaus,  die Linde auf dem Dorfplatz, der Kirmeskater auf der Kirche -  das Wappentierchen der Mechterstädter Kirmesgesellschaft , sieben Kerzen – weil die Sieben eine Glückszahl ist -  und Oma Hannas Hausspruch: “An Gottes Segen ist alles gelegen”.
Schnell wurde Tobias klar, dass die Arbeit bis zum 1. Dezember nicht zu schaffen war. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass aus dem Ein-Mann-Projekt schon bald ein Viele-Männer-Frauen-und-Kinder-Ding werden würde.
Wer fortan immer auch den Kopf in die Scheune steckte, wurde wie von einem Virus gepackt – und machte einfach mit. Marcus Toermer beispielsweise, der das Sperrholz beschaffte – nachhaltiges Material aus Verpackungen. Fabian Belling und Christian Peters – Kollegen von Tobias – druckten die maßstabgerechten Zeichnungen aus – eine rießengroße Hilfe. Tobias Nachbarn, Familie Kost, brachten sich mit Mann, Frau und den Mäusen ein. Ben und Leo sorgten mit dem Herbeischaffen von Feuerholz dafür, dass es die Freizeittischler in der Scheune immer ordentlich warm hatten. Andreas kümmerte sich um die Elektrik, Christiane entwickelte sich zu einer guten Handlangerin, schnitt Elemente aus und strich sie an, und Mia drehte die letzte Schraube ein. Sie hat das Werk quasi vollendet.
Von Anfang an dabei waren Benny Trostdorf und Sepp. Björn Trostdorf half beim Materialtransport. Tobias Eltern Dietmar und Elke kümmerten sich in der Arbeitsphase um den Haushalt und brachten manche gute Erfahrung ein – ebenso wie Lothar Schade, der insbesondere beim Einsetzen der Scheibe und beim Aufstellen des Schwibbogens  mithalf. Wenn Andreas und Christiane manchmal bis nach Mitternacht in der Scheune zugange waren, betreute Birgit Schade die Kinder. Manfred und Jahra Kollert waren auch dabei und halfen bei den Bäumen. Manfred, der schon viele Schwibbögen selbst gebaut hat, stellte Werkzeug zur Verfügung und verankerte den Schwibbogen im Boden, damit er festen Halt hat. Rico Cott erledigte Transportarbeiten. Ortschaftsbürgermeister Dieter Specht gab organisatorische Hilfe und leistete auch mal moralische Unterstützung, wenn ein Ende der Arbeit nicht abzusehen war. Volkmar Simon half beim Erodieren der Kirchuhrelemente. Julia Czoppa lernte, mit Leim und Lack umzugehen. Nele Schade bemalte den Kirmeskater. Ihre helfenden Hände stellten auch Max Reinhard,  Richard Schlothauer, Sascha Sagner und Marita Huhn zur Verfügung. Marko Rimbach und Susanne Graul fieberten mit.
Bis zum 1. Dezember frühs wurde um die Fertigstellung des Mechterstädter Schwibbogens gekämpft. Auf den letzten Metern gaben Christiane und Andreas noch einmal mit Tobias Vollgas. Dann war es vollbracht.
Der Schwibbogen stand – und Tobias fiel im Morgengrauen erst einmal kurz in Vollnarkose. Rechtzeitig zur Weihnachtsmarkt-Eröffnung stand er aber wieder wie eine Eins und übergab das Projekt an die Mechterstädter. Nicht, ohne all denen  zu danken, die beim Gelingen halfen – darunter auch dem Traditionsverein, seinen Chefs und Kollegen, die ihm den Rücken frei hielten sowie den Nachbarn in der Schafgasse, die den Tischlerlärm monatelang ertrugen.
Tobias hat den Schwibbogen den Bürgern von Mechterstädt gewidmet.  Er ist ein Geschenk an sie.
“Was ich erreichen wollte, habe ich am 1. Dezember erreicht. Die Leute standen da und haben sich gefreut”, erzählt Tobias bei einem Besuch in seiner Scheune. Die Arbeit sei ein echtes Gemeinschaftswerk geworden. “Es war ein Geben und Nehmen. Allein hätte ich das nie und nimmer hingekriegt”, ist er sicher.
Ganz fertig ist das Projekt nicht. Es soll noch ein Tränksgrundhäuschen bekommen und eine Inschrift, an der Ina und Andrea Emmrich arbeiten.
Wenn es in diesen Tagen schummrig und still wird in Mechterstädt und auf dem Lindenplatz die Kerzen des Schwibbogens beginnen, zu leuchten, freuen sich viele Mechterstädter über das neue Fenster zu ihrem Dorf und blicken auf die Schätze, die sie vor der Haustür haben. “Ich will, dass der Schwibbogen jetzt allen gehört”, sagt Tobias, bevor er die Scheunentür schließt und es Weihnachten wird.
Und wenn er nicht gerade Musik hört, könnte es sein, dass er dort schon wieder an etwas Neuem bastelt…
Aufgeschrieben an Weihnachten 2018 von Rita Specht

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